358 erfasste Kinderehen in Baden-Württemberg, nur acht rechtskräftig aufgehoben. Die Piraten Lörrach fordern konsequenten Schutz für betroffene Mädchen, beschleunigte Verfahren — und ein Ende der Abschiebedrohung für Frauen, die genau vor dieser Gewalt geflohen sind.
In Baden-Württemberg sind seit 2012 insgesamt 358 Kinderehen dokumentiert worden. In einem der Fälle war ein als Ehefrau geführtes Mädchen erst elf Jahre alt. Nur acht dieser Ehen wurden rechtskräftig aufgehoben, während 350 weitere Vorgänge aus den Jahren 2015 bis 2026 vom Regierungspräsidium in Tübingen unter der Kategorie „sonstige Erledigungen“ geführt werden. Zum Zeitpunkt der Antwort des Innenministeriums waren keine gerichtlichen Verfahren zur Aufhebung von Kinderehen anhängig.
Wie alarmierend nah das Problem an der Lebenswirklichkeit von Kindern liegt, zeigt die landesfinanzierte Beratungsstelle YASEMIN: 2025 verzeichnete sie 271 Beratungsfälle, in 80 davon ging es um drohende Zwangsverheiratung. 33 der Betroffenen waren minderjährig, elf von ihnen nicht älter als 13 Jahre. Den Anstoß für die Anfrage gab ein Ende Juli 2026 veröffentlichter Notfallbogen von Terre des Femmes, der sich vor allem an Lehrkräfte richtet.
Für uns Piraten ist das keine Frage der Kultur, sondern der Würde. Menschenrechte und Grundrechte sind Meilensteine der Menschheitsgeschichte, und sie gelten für Erwachsene wie für Kinder — ohne Rabatt für Herkunft, Tradition oder Glauben.
Unser Grundsatzprogramm versteht Religionsfreiheit ausdrücklich auch als „Freiheit von religiöser Bevormundung“. Kein Glaube und keine Familienehre geben jemandem das Recht, über das Leben eines Kindes zu verfügen. Dass Erwachsene zum Teil Kinder noch immer für rechtlos halten und Mädchen wie Eigentum und Ware behandeln, ist ein Affront gegen unsere gemeinsame Rechtsordnung und durch nichts zu entschuldigen.
Kinder sind kein Eigentum. Mädchen sind keine Ware. Jedes Mädchen hat das Recht, nicht von der eigenen Familie an Männer weitergereicht zu werden — zum Zweck von Status, Macht und sexueller Befriedigung.
Leider war es gerade die AfD, die die Zahlen abgefragt hat — und ihre Antworten darauf sind desaströs, richten sich ihre Ziele doch gegen den Rechtsstaat selbst. In Sachsen-Anhalt, wo sie bei der Landtagswahl im September stärkste Kraft wurde, will sie die Schulpflicht durch eine „Bildungspflicht“ ersetzen und Hausunterricht zulassen. Der Bundesrat hat sich einstimmig für die Schulpflicht ausgesprochen. Denn wer Kinder ausgerechnet dort aus der staatlichen Aufsicht nimmt, wo Schutz vor familiärer Gewalt am dringendsten gebraucht wird, schafft keinen Schutz, sondern Schlupflöcher.
„Man kann ein Problem richtig benennen und trotzdem die falsche Antwort geben — die AfD tut genau das. Ihre Anfrage hat die Zahlen ans Licht gebracht, dafür gebührt ihr kein Dank, sondern die Verpflichtung, jetzt zu handeln. Und wer wie die AfD in Sachsen-Anhalt die Schulpflicht aushöhlen will, nimmt Mädchen genau den Ort, an dem sie Hilfe finden können: die Schule. Wir verteidigen den Rechtsstaat, weil er das einzige Instrument ist, das Kinder wirklich schützt.“ — Sabin Schumacher, Stadträtin der Piraten in Lörrach
„Reaktionäre, konservative und religiöse Dogmen — wie der Islamismus sie predigt — dürfen niemals über den Rechten von Kindern stehen. Das gilt für jede Religion und jede Ideologie. Aus Laizistischer Sicht ist der Staat hier in der Verpflichtung die Freiheit und die Würde aller Menschen die in Deutschland leben zu verteidigen“ — Max Kehm, Piratenpartei Lörrach
„Diese Zahlen erreichen uns über die Schulen, über Vereine, über die offene Jugendarbeit — nicht über Behördenformulare. Deshalb brauchen Lehrkräfte und Schulsozialarbeit verbindliche Fortbildung, klare Meldewege und den Notfallbogen von Terre des Femmes flächendeckend. Und wir brauchen eine Regel, die sich niemand traut auszusprechen: Ein Mädchen, das hier Schutz vor Zwangsverheiratung sucht, darf nicht gleichzeitig mit Abschiebung bedroht werden. We are Jane Doe!!!“ — Steffi Bläsi, Piratin & Stadträtin für Soziales in Rheinfelden
Was wir konkret fordern
Erstens: eine bundesweit einheitliche, öffentlich zugängliche Statistik zu Kinderehen, aufgeschlüsselt nach Alter, Geschlecht und Staatsangehörigkeit — und eine Erfassung, die sichtbar macht, wie viele Betroffene Schulen in Deutschland besuchen. Die Antwort des Innenministeriums zeigt, dass Kultusministerium erhebt dazu bislang keine Daten. Heißt, was nicht gezählt wird, wird auch nicht geschützt.
Zweitens: Schnelle Hilfe. Beschleunigte und vereinfachte Asylverfahren für besonders schutzbedürftige Frauen und Mädchen, entsprechend den Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention, der Istanbul-Konvention und der UN-Frauenrechtskonvention CEDAW. Schutz und Gleichstellung sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Verpflichtung.
Drittens: Keine Abschiebung in die Hände der Verfolger. Frauen und Mädchen, die vor Zwangsverheiratung, häuslicher Gewalt oder Gruppenverfolgung geflohen sind, dürfen nicht zusätzlich mit Abschiebung bedroht werden — unabhängig von der Religionsgemeinschaft, der sie angehören. Zwangsverheiratung gilt als klassischer Fall geschlechtsspezifischer Verfolgung, und der Europäische Gerichtshof hat im Januar 2024 bestätigt, dass Frauen als soziale Gruppe Flüchtlingsschutz erhalten können. Wir halten es für nicht hinnehmbar, wenn Betroffene trotz dokumentierter Verfolgung mit Rückführung rechnen müssen; hier erwarten wir von Bund und Land eine klare Rechtslage statt Einzelfallpraxis.
Viertens: Konsequent gegen die Täter. Zwangsverheiratung ist in Deutschland längst eine Straftat — sie muss auch verfolgt werden. Wer Menschenrechte verletzt, Zwangsverheiratung organisiert oder Kinder als Handelsobjekt behandelt, gehört vor Gericht. Und wer hier Schutz erhält und missbraucht, um andere zu unterdrücken, kann sich nicht auf denselben Schutz berufen — Das ist keine Frage von Herkunft oder Religion, sondern eine Frage der Tat — und es braucht dazu eine saubere gesetzliche Grundlage, die wir mitgestalten wollen.
Fünftens: Kinderrechte gehören ausdrücklich ins Grundgesetz — nicht als Anhängsel der Elternrechte, sondern als eigenständige Grundrechte mit dem Kindeswohl als vorrangigem Maßstab. Baden-Württemberg hat Kinderrechte bereits in seiner Landesverfassung verankert. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung kommt das Vorhaben nicht mehr vor. Das muss sich ändern.
Über die Piratenpartei Lörrach
Die Piratenpartei steht für Bürgerrechte, Transparenz und Datenschutz. Im Kreis Lörrach setzen wir uns für offene Verwaltung, soziale Teilhabe und die konsequente Durchsetzung von Grund- und Menschenrechten ein.
Quellen:
https://de.euronews.com/2026/10/13/auch-11-jahrige-verheiratet-uber-350-kinderehen-in-baden-wurttemberg-erfasst
https://sunnahweg.de/muslim/das-buch-der-ehe/16-10-1422d
https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Kinderrechtskonvention
